Wer sich mit Novalis beschäftigt, wird sehr schnell auf diesen Aufsatz:„Die Christenheit oder Europa“ aus dem Jahr 1799 stoßen. Wer kümmert sich aber außerhalb einzelner germanistischer Seminare oder anthroposophischer Kreise noch um Novalis, den Dichter und Seher einer goldenen, poetischen Zeiterfahrung, und wer um die Frage nach der Christenheit oder dem gemeinsamen Kulturraum Europa ? Es wäre einen lohnende Frage, ob denn ein derart alter Text für die heutige Zeit noch irgendeine Bedeutung habe. Verliert nicht die sogenannte Christenheit kontinuierlich an Bedeutung ? Und ist es um die politische, kulturelle oder ideelle Verfassung des geopolitischen Raumes Europa, ob nun christlich oder nicht, besser bestellt ? Der „Genius Europas“ erkaltet gegenwärtig jedenfalls im Schatten östlicher Machtgelüste und jetzt auch zunehmend westlicher Interessenlosigkeit. Vielleicht ist in dieser Zeitenwende die Novalis-Schrift weniger ein veraltetes Dokument als ein zukünftiges ? Da lohnte sich die Probe aufs Exempel !
Dr. Heinrich Schirmer ist ehemaliger Lehrer der Tübinger Waldorfschule und war lange Mitglied des hiesigen anthroposophischen Zweigs. Er lebt im ost-westfälischen Petershagen (Weser).
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